JURYPREIS
Wir bedanken uns beim Bundesministerium für europäische und Internationale Angelegenheit für die Stiftung des mit 3.000,- Euro dotierten Jurypreis und freuen und die Jury von this human world 2011 bekannt geben zu können.
JURY BEGRÜNDUNG "Other Europe"
Other Europe (Altra Europa) von Rossella Schillaci erzählt vom Leben in aufgezwungenem Stillstand, dem Leben einer Gruppe afrikanischer Immigrantinnen/Immigranten in Turin. Die leer stehende Klinik, die sie besetzt und in der sie sich ein provisorisches Zuhause eingerichtet haben (wozu es in Österreich noch nie gekommen ist), sollen sie nun verlassen, sie sollen umgesiedelt, abgezählt und kontrolliert werden.
Die präzise eingesetzte Musik schafft eine Geräusch- und Klangkulisse,
die humorvoll das Verrinnen der Zeit und zugleich ihr Stillstehen beschreibt. Sie pointiert die neugierigen, ungewöhnlichen Bilder, in denen wir die Menschen und ihren minimalen Lebensraum ebenso kennen lernen, wie das unüberblickbare System, dem sie ausgeliefert sind. Other Europe zeigt Menschen in einer Pattsituation und bleibt dabei in seiner Erzählung immer spannend: auf Ämtern, bei der Berufsausbildung, bei der Bürgerversammlung, auf Demonstrationen; die Bewohner kämpfen um ihr Haus! Es ist kein Kampf um Legalität ? sie sind legal in diesem Land, es ist der Kampf darum, von diesem Land als vollwertige Menschen behandelt zu werden. Vom einzigen europäischen Land übrigens, in dem sie leben dürfen - denn dort haben sie Asyl beantragt.
Es ist nicht die geographische Nähe Turins die den Film so nahe, nicht nur die Flüchtlingswelle des arabischen Frühlings, die ihn so aktuell und dringlich macht. Was Other Europe unangenehm an uns heran rückt sind vor allem Szenen wie die, in der die Immigranten - der Landessprache mächtig - aus einer Tageszeitung erfahren, wie sehr die italienischen Nachbarn ihretwegen um die Sicherheit ihrer Kinder bangen.
Khaled, Shukri, Ali und ihre Mitbewohner, deren Leben scheinbar nichts mit den unseren zu tun haben, hatten sich ein anderes Europa erwartet.
JURYBEGRÜNDUNG "The Well - Water Voices from Ethopia"
Der Film The Well (Der Brunnen) zeigt uns eine Welt, in der nichts selbstverständlich ist.
In einer der trockensten Regionen Äthiopiens ist der freie Zugang zu Wasser eine Existenzfrage. Seit Generationen bewirtschaften die dort lebenden Stämme tief in die Erde geschlagene Brunnen, die ihnen und ihrem Vieh während der Trockenzeit das Überleben sichern.
Das Instandhalten der Tränken, das Schöpfen des Wassers geschieht händisch und unter großen Mühen und basiert auf uralten Gemeinschaftsprinzipien mit klaren Regeln und ohne individuellen Vorteil.
In großartigen Bildern zeichnet dieser Film ein beeindruckendes Portrait von Menschen am äußersten Rand der bewohnbaren Welt, und wie sie es schaffen, ein kollektives Gut in dem Wissen zu bewahren, dass etwas für die Gemeinschaft verloren ist, sobald es in den Besitz eines einzelnen übergeht.
JURYBEGRÜNDUNG "Generation Kunduz - the war of the others"
Einen Film über die Last der Verhältnisse und die Zuversicht hat der deutsche Regisseur Martin Gerner gedreht. In "Generation Kunduz" kommt eine junge Generation im heutigen Afghanistan zu Wort, gewinnt Gesicht, die trotz Taliban- und Anschlagsgefahr Aufbruchsstimmung in sich trägt. Der kleine Schuhputzer, der Bildung anstrebt, die Journalistin, die Jus studieren möchte, der Agrarexperte und Wahlbeobachter, der auf demokratischen Wandel hofft, die Filmemacherin, die der afghanischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten möchte, werden in ihren Wünschen und Ängsten verständlich. Dass sie sich, indem sie sich an dieser Dokumentation beteiligen, über die in Afghanistan offenbar allgegenwärtigen Ängste hinwegsetzen, macht den Film zu einer Botschaft. Die professionelle, unaufdringliche Kameraführung, die an den richtigen Stellen Akzente setzt, verstärkt dies.