
Das literarische und filmische Schaffen Claude Lanzmann kann als tiefgründig und umfassend zugleich beschrieben werden. Eine ausführliche Darstellung seiner zahlreichen Arbeiten und Aktivitäten würde die Seitenanzahl dieses Heftes weit überschreiten. Lanzmann gilt nicht nur aufgrund seiner herausragenden Arbeiten als Filmemacher, als eine der wichtigsten Personen in der Aufarbeitung der jüdisch-europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Claude Lanzmann, geboren 1925 in Paris, war bereits während seiner Schulzeit als Widerstandskämpfer in der Résistance tätig. Nach seiner Studienzeit in Tübingen und Berlin, kehrte er nach Frankreich zurück, um dort als Journalist und schließlich als Herausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift Les Temps Modernes, gegründe von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, zu arbeiten. Sein politisches Engagement setzte sich in seinen filmischen Arbeiten fort. Von 1972 bis 2001 schuf er Dokumentarfi lme, die als Meilensteine der Filmgeschichte gelten.
Die Filmretrospektive, die innerhalb des Festivals this human world in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Wien und dem Kulturverein Schikaneder, präsentiert wird, soll einen Blick auf die Thematik des jüdischen Lebens und Überlebens gewähren. Auch nach einer Zeitspanne von 38 Jahren haben die Filme nicht an Konfl iktpotenzial und Aktualität eingebüßt. So wurde im Okotber 2009 die Vorführung des Films Pourquoi Israel in Hamburg durch z.T. gewalttätige Protestaktionen einer anti-imperialistischen linksradikalen Gruppe verhindert. Im selben Jahr veröffentlichte Claude Lanzmann seine Memoiren unter dem Titel Le Lièvre de Patagonie, die in diesem Jahr unter dem deutschen Titel Der Hase von Patagonie, für die Lanzmann am 5. November 2010 mit dem Welt-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.
WARUM ISRAEL / POURQUOI ISRAEL (Italien, Frankreich, 1972, 185 Minuten)
Mo, 06.12.2010, 18:15 Uhr, Cinemagic
IM BEISEIN DES REGISSEURS.
WARUM ISRAEL ist Lanzmanns erster Dokumentarfilm. Der Film, der 25 Jahre nach der Gründung Israels entstand, erfasst die Notwendigkeit dieser Staatsgründung, die durch unterschiedliche Perspektiven vermittelt wird. Der Film setzt sich aus den unterschiedlichsten Stimmungsbildern und Interviews zusammen. Für die Befragung suchte Lanzmann Bürger des Staates aus, die unterschiedliche Vergangenheiten und Lebensbedingungen haben. WARUM ISRAEL fragt nach der Identität und der Normalität eines Staates, der aus dem weltweiten Trauma des Holocausts heraus entstanden ist.
IM BEISEIN DES REGISSEURS.
In diesem Film zeigt Lanzmann die israelische Armee aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Er interviewt Majore und Generäle, begleitet die jungen Soldaten bei ihrer Ausbildung und scheut keine Frage. Sterben und Töten sind zentrale Begriffe, die immer wiederkehren in den Erzählungen über das Gefecht, über Angst und Frust. Nachdem der damalige israelische Verteidigungsminister Itzhak Rabin SHOAH gesehen hatte, lud er 1987 Claude Lanzmann ein, die Dokumentation TSAHAL zu realisieren.
Lanzmann hatte hierbei die Möglichkeit völlig unzensiert einen Film über das Heer des Staates zu machen. TSAHAL ist ein Film, der keiner Heerespropaganda unterliegt und der sich nicht vor Widersprüchlichkeiten und problematischen Fragen scheut. Es ist ein Film, der sich von Wertungen distanziert, nicht aber von der Reflexion über die Institution des Heeres.
Dem Film wurde kein Archivbild, keine Aufnahme einer Leiche hinzugefügt. Die Befragungen der Zeitzeugen, die ohne Rücksicht auf Gefühlsausbrüche fortgesetzt werden, vermischen sich mit den Bildern der tristen Gegenden, an denen die Ermordung zahlreicher Juden stattfand.
08.12.2010 - 19:00 Uhr
Vor wenigen Wochen hat seine Autobiografie Der patagonische Hase für Schlagzeilen gesorgt, der Beststeller ist zum Buch des Jahres in Frankreich gewählt worden. Der Autor des legendären Filmepos Shoah erzählt in seinem Buch voll Humor und Leidenschaft nicht nur seine Geschichte, sondern auch über die Dreharbeiten und seine Interviews zu Shoah. Ein Traktat über Freiheit und Gewalt, die Kritik spricht von einem epochalen Meisterwerk.
Eine Kooperation zwischen dem Jüdischen Museum Wien, der Tageszeitung Die Presse und dem Kulturverein Schikaneder.